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Klinikzertifizierungen – EPZ, EPZMax, endoCert, KTQ, ISO und Co

Neben den für alle Kliniken in Deutschland verpflichtenden Qualitätsberichten, die öffentlich einsehbar und gleichzeitig für die meisten Patienten schwer zu lesen sind, werben alle Einrichtungen mit zusätzlichen Gütesiegeln (Zertifikaten) auf ihrem Webseiten. Einige Krankenhaus präsentieren 30-40 verschiedene Gütesiegel. Doch welche sagen tatsächlich etwas über die Qualität der medizinischen Leistungen aus? Wer vergibt diese Siegel (private Unternehmen, Lobby-Organisationen, Krankenkassen oder staatliche Stellen)?

Zunächst muss man unterscheiden zwischen Zertifizierungen, die sich rein auf organisatorische Abläufe und Prozesse beziehen und solchen, die bestimmte Versorgungsarten bewerten.

Zu den Siegeln, die die Organisation, Prozesse und das Risikomanagement bewerten gehören beispielsweise KTQ, Prcumcert und ISO 9001, um nur drei zu nennen.

Die Anzahl der Siegel, die im weitesten Sinn medizinische Leistungen verschiedener Fachrichtungen zertifizieren, sind kaum überschaubar. Nachfolgende eine kleine Auswahl:
– WHO-Zertifikat: Babyfreundliches Krankenhaus
– Bundesverband Geriatrie: Qualitätssiegel Geriatrie
– TÜV Zertifikat Akutschmerztherapie
– Alterstraumazentrum DGU
– Deutsche Gesellschaft für Interventionelle Radiologie und minimal-invasive Therapie.
Dazu kommen dann noch mehr oder weniger sinnvolle Auszeichnungen wie z.B.: Zertifiziertes Singendes Krankenhaus, ganz zu schweigen von den Gütesiegeln der Zeitschrift Focus die jährlich für alle Fachbereiche vergeben werden, aber leider nicht kostenlos verfügbar sind.

Im Bereich der Endoprothetik (Gelenkersatz) gibt es aktuell allerdings aus meiner Sicht nur ein wichtiges Zertifikat, welches die endoCert vergibt, nämlich EPZ und EPZMax. Eine Liste der zertifizierten Endoprothetikzentren (EPZ) gibt es hier.
Die Zertifizierungs-Kriterien findet man in einen versteckten Download-Hinweis auf das Gesamt-Werk Zertifizierung von Endoprothetischen Versorgungszentren in Deutschland, welches kostenlos als eBook erhältlich ist. In Kurzfassung sind diese Kriterien auch auf der Medführer-Webseite zu finden.
Zusammengefasst geht es dabei um die Mindestanzahl von Operationen je Hauptoperateur und die Anzahl von Revision-OPs, die neben weiteren Kriterien für die Erlangung der Zertifizierung notwendig sind.

Umso verwunderlicher ist es allerdings, dass z.B. die HELIOS ENDO-Klinik Hamburg, die in Deutschland mit weitem Abstand die meisten Gelenkersatz-Operationen – nämlich rund 7000 – durchführt, das Zertifikat EPZMax (EndoProthetikZentrum der Maximalversorgung) nicht besitzt. Um das zu verstehen, haben wir den den Chefarzt und Ärztlichen Direktor der Gelenkchirurgie, Prof. Dr. Thorsten Gehrke, gefragt.

Nachfolgend seine ungekürzte Antwort auf die Frage, warum die ENDO-Klinik keine EPZMax-Zertifizierung besitzt:
„Bzgl. der EPZMax Zertifizierung und auch der Endocert Problematik haben wir eine recht klare Position, die im Übrigen auch von allen anderen akzeptiert wird. Hier in der ENDO-Klinik sind unsere Prozesse – und das wissen wir aus den Erfahrungen der anderen Häuser – bereits seit Jahren optimiert und in jeder Hinsicht wohl geordnet.
Dies spiegelt sich sowohl in den Patientenbewertungen als auch in den objektiven Krankenkassenbewertungen wieder, so dass wir auch ohne Zertifizierung eine herausragende Ergebnisqualität erreichen.

Im Übrigen geht es bei der Zertifizierung auch gar nicht um die Ergebnisqualität sondern nur um die sogenannte Prozessqualität, die aus meiner Sicht zunächst einmal nichts mit guten oder schlechten Ergebnissen zu tun hat. In der internationalen Literatur wird zudem sehr klar und deutlich immer wieder berichtet, dass die Ergebnisse nach Endoprothetik in aller erster Linie von dem sogenannten Volume abhängig sind und hier die sogenannten High Volume Kliniken, den sogenannten Kliniken, die nur niedrige Zahlen operieren (trotz Zertifizierung) haushoch überlegen sind. Die im Zertifizierungsprozess gefordert 100 Operationen pro Hauptoperateur erreichen hier selbst unsere Jungoberärzte und Fachärzte. Ich selbst operiere mittlerweile zwischen 550 und 600 endoprothetische Eingriffe.

Einmal abgesehen von unserem Hause halte ich es jedoch trotzdem für gut und richtig, wenn Sie einem Patienten bei der Entscheidungsfindung empfehlen – zumindest solange die übrigen Parameter vergleichbar sind – ein zertifiziertes Haus aufzusuchen.“

FAZIT: Trotz eines nahezu undurchschaubaren Dickichts an unterschiedlichen Gütesiegeln, bleibt im Bereich des Gelenkersatzes das Zertifikat EPZ (EndoProthetikZentrum), respektive EPZMax (EndoProthetikZentrum der Maximalversorgung) ein wichtiges Kriterium, wenn auch nicht das einzige!
Vorbildlich und einfach für den Patienten – ohne sich durch die Qualitätsberichte durchzuwühlen – ist übrigens die Darstellung der wichtigsten Qualitäts-Kennzahlen für Hüft- und Kniegelenksersatz auf der Seite der endogap – Klinik für Gelenkersatz. Daran könnten sich andere Kliniken durchaus ein Beispiel nehmen.

Gelenkersatz: Extrem erfolgreich aber nicht ohne Risiken

Schwerpunkt der thematisch durchaus ungewöhnlichen Patientenveranstaltung mit knapp 100 Besuchern am 8.2.2017 in Bonn mit dem Titel „Der schmerzhafte Gelenkersatz war, die Risiken bei endoprothetischen Eingriffen und die damit einhergehenden unerwünschten Ergebnisse danach zu beleuchten.

Dr. Holger Haas

Dr. Holger Haas

Dr. Holger Haas, Chefarzt Zentrum für Orthopädie und Unfallchirurgie am GK in Bonn, erläuterte ausführlich neben dem Infektionsrisiko, auf das später detailliert eingegangen wird, eine Reihe von Risiken bei einem Gelenkersatz, die nach der OP dafür verantwortlich sein können, dass der Patient nicht ganz beschwerdefrei ist. Dabei ist ein deutlicher Unterschied zwischen Hüft- und Knie-Totalendoprothesen zu verzeichnen. Während 90 – 95 % aller Patienten nach einer Hüft-TEP absolut beschwerdefrei sind, sind es bei einer Knie-TEP nur ca. 20 %. 60 % spüren ihr Knie nach Belastungen, oder haben gelegentlich leichte Beschwerden und wiederum 20 % haben deutliche dauerhafte Beschwerden. Das Kniegelenk ist eben ein wesentlich komplexeres Gelenk als das Hüftgelenk. Außerdem gibt es beim Knie z. B. häufiger das Problem einer Arthrofibrose (überschiessende Narbenbildung) ohne dass bis heute die genaue Ursache dafür geklärt wäre. Bei der Hüfte tritt dieses Problem praktisch nicht auf.
Dr. Haas betonte aber ausdrücklich, dass sich Patienten mit Beschwerden nicht damit abfinden, sondern unbedingt zunächst bei ihrem Operateur wieder vorstellig werden sollten. Erst wenn dieser die Beschwerden nicht ernst nimmt – oder aus Sicht des Patienten Fragen offen bleiben – sollte eine Zweitmeinung eingeholt werden. Der Grund ist einleuchtend: Erstens weiß der Operateur am besten, was und wie er operiert hat und sollte zweitens die Chance erhalten, ein bestehendes Problem zu beheben.

Allgemeine OP-Risiken wie Blutungen, Gefäß- und Nervenverletzungen, Thrombose oder Wundheilungsstörungen können bei jeder OP auftreten und sind nicht auf den Gelenkersatz allein beschränkt. Prothesenspezifische Risiken sind Knochenbruch, Luxation, Früh-Lockerungen und Infektionen.

Neben diesen unerwünschten Behandlungsergebnissen und Komplikationen sind lt. Dr. Haas noch die Falschbehandlungen (der „Behandlungsfehler“) zu nennen. Hier hat der Patient zumindest bei Vorliegen eines Behandlungsfehlers die Möglichkeit Schadensersatz zu erhalten. Die Kliniken sind für solche, insgesamt selten auftretenden Fälle versichert.

Dr. Holger Haas

Dr. Holger Haas

Dr. Haas wies außerdem darauf hin, wie wichtig es ist, in einem zertifizierten Endoprothetikzentrum einer großen Klinik operiert zu werden, da alle strukturellen und logistischen Voraussetzungen für die Beherrschung möglicher Komplikationen vorgehalten werden und im Problemfall z.B. direkt auf einen Gefäßchirurgen oder Kardiologen zurückgegriffen werden kann.

Laut aktueller Umfragen haben allerdings 60 % der Patienten Angst vor Infektionen und Keinem und nicht vor den vorstehend beschriebenen Risiken.

Auf die Frage an Dr. Holger Haas wie Keime und Infektionen bei OPs komplett vermieden werden könnten, antwortete er augenzwinkernd: ‚Wenn der Patient 30 lang Minuten auf 130 °C erhitzt wird, ist er absolut steril, hat dann aber eher wenig von seinem neuen Gelenk!‘.

Dr. Haas erläuterte, dass das immer mehr in den Vordergrund rückende Problem – auch in der Presse oft entsprechend prominent dargestellt – der sog. multiresistenten Keime eigentlich ein Problem der Massentierhaltung und der damit verbundenen präventiven Antibiotikagabe ist. Daneben führt auch die ungezielte Behandlung mit Antibiotika im medizinischen Bereich zur Entstehung dieser Problemkeime. Jeder Mensch hat auf seiner Haut Keime. Personen, die z. B. in Schlachtbetrieben oder in der Massentierhaltung arbeiten, haben fast zu einem viertel multiresistente Keime auf der Haut bzw. in der Nase; bei Personengruppen, die in der Regel nicht mit Schlachtvieh in Berührung kommen, sind es nur knapp 1,5 %. Das Krankenhaus selbst kann das Problem bestenfalls durch besondere Hygienemaßnahmen reduzieren aber niemals ganz eliminieren. Das GK-Bonn hat dazu eigens ein Hygienemanagement etabliert. Als Besonderheit werden am GK-Bonn seit neuestem vor einem endoprothetischen Eingriff Reinigungssets an Patienten verteilt, mit deren Hilfe diese vor einer OP selbst für die Reduzierung von Keimen sorgen können.

Beim Thema Implantat und Implantatauswahl sorgte Dr. Holger Haas für Verwunderung und Kopfschütteln im Saal mit seiner Erklärung zu dem Vergütungskonzept der Krankenkassen. So erhalten alle Kliniken exakt die gleiche Pauschale für eine OP und zwar unabhängig davon, ob diese das beste und damit meist teurere Implantat verwenden oder das günstigste. Da sich die Unterschiede fast immer erst in der Langzeitbetrachtung (z. B. durch höheren Abrieb) nach 10 oder mehr Jahren bemerkbar machen, kann eine Klinik ihren Gewinn so maximieren. Die dafür Verantwortlichen sind dann, wenn es zu Problemen kommt, ggf. schon in Rente. Hier hat die Politik eindeutig versagt. Kliniken, die verantwortungsvoll handeln, werden mit diesem System praktisch bestraft. Dazu kommt, dass der Patient, selbst wenn er wollte, besseres Material nicht durch eine Zuzahlung (wie z. B. beim Zahnarzt) erwirken kann. Das verhindert das Abrechnungssystem. Gleichwohl versicherte Dr. Haas, dass in seinem Verantwortungsbereich trotzdem das medizinisch sinnvollste und nicht zwingend das wirtschaftlich günstigste Material verwendet wird und betonte, dass dies auch die sonstigen anerkannten Versorgungseinrichtungen so praktizieren. Schließlich hat er auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Zertifizierungskommission der endocert hier entsprechenden Einblick!

Warum es zu diesem Abrechnungssystem allerdings keinen Aufschrei der Betroffenen und/oder der Ärztekammer gibt, erschließt sich mir persönlich nicht.

Nach dem knapp zweistündigen und trotzdem kurzweiligen Vortrag nahm sich Dr. Haas noch genügend Zeit, um weitere Fragen aus den Reihen der Besucher zu beantworten.

Mein Eindruck war, dass alle nach der Veranstaltung das Gefühl hatten, bei Dr. Haas und seinem Team gut aufgehoben zu sein und vor allen Dingen ernst genommen zu werden.

Als allgemeines Fazit bleibt, dass die endoprothetische Versorgung der Hüfte eine der erfolgreichsten Operationen in Deutschland ist. Beim Knie sind leichte Abstriche zu machen, dennoch sind bei 80 % der Patienten die Beschwerden nach einer OP wesentlich geringer als vorher.