Heben und Tragen mit künstlichem Gelenk

Chefarzt Dr. Christian Fulghum – endogap Garmisch-Partenkirchen

In unserer Facebook-Community TEPFIT wird relativ regelmäßig die Frage gestellt, was und wieviel man mit einem künstlichen Gelenk noch heben oder tragen darf. Es gibt hier die unterschiedlichsten Angaben, auch von Ärzten, sowohl für die Zeit bis zur kompletten Ausheilung als auch danach. Um etwas Licht ins Dunklen zu bringen, haben wir, wie schon so oft, den Chefarzt Dr. Christian Fulghum von der endogap in Garmisch-Partenkirchen, eine der Kliniken für Gelenkersatz in Deutschland, gefragt.

Hier seine Original-Antwort:

 

Durch Heben von Lasten treffen größere Kräfte auf das künstliche Gelenk als sonst. Daher wird das Heben von Gewichten in der Einheilungsphase des neuen Gelenks sinnvollerweise beschränkt, denn auch Alltagsbewegungen, wie Treppensteigen, Aufstehen aus dem Sitzen, Umdrehen im Bett etc. sind in dieser Zeit schon Belastung genug und Wirken sich mit einem mehrfachen des Körpergewichts auf die Hüfte aus, die ja bei der OP nur im Knochen verkeilt wurde und noch nicht festgewachsen ist. Wenn der knöcherne Einbau des Gelenks nach etwa drei Monaten gut voran gekommen ist, spielt die Belastung schon eine geringere Rolle – die Muskeln sind durch Übung kräftiger geworden, das Muskelspiel hat sich verbessert, die Bewegungsabläufe sind runder geworden. Man hat also zumindest einen Teil der Weichteilschäden, die sich vor dem Eingriff entwickelt haben, kompensiert. Bei jedem dauert das unterschiedlich lange: Beim Einen kam die OP sehr schnell aus gutem Trainingszustand, beim Anderen haben sich die Muskeln jahrelang abgebaut. Also sollte man den Operateur fragen, wie es individuell bei einem selbst aussieht. Ist die Heilung bei den Meisten weitgehend abgeschlossen (etwa sechs Monate postOP), können auch schwerere Lasten (Koffer, gefüllte Einkaufstasche, voller Bierkasten etc.) ohne weiteres seitens der neuen Hüfte gehoben werden – es kommt dann mehr auf den Gesamtzustand an (z.B. Trainingszustand, Wirbelsäule, Hebetechnik) als auf das gehobene Gewicht. Die Benennung einer bestimmten Grenzlast (10 kg, 20 kg) dient nur dazu, einem das Gefühl einer Größenordnung zu vermitteln – die Wenigsten werden das, was sie haben vorher wiegen …. eine prozentuale Gewichtsbegrenzung (% Körpergewicht) halte ich für wenig hilfreich. Man sollte darauf achten, dass Gewichte nicht ständig gehoben werden müssen (Möbelpacker, Getränkeausfahrer eignen sich beruflich nicht wirklich für künstliche Gelenke) und dass vor allem nicht „gewuchtet“ wird, d.h. mit allen Kräften ruckartig ein sehr schwerer Gegenstand bewegt werden soll (z.B. Waschmaschine, Klavier etc.). Hier treten so große Kräfte auf, dass auch das beste Gelenk (und die beste Wirbelsäule) das nicht aushalten und schwere Schäden entstehen können. Also: Belastung langsam steigern, immer in das Gelenk hineinhören, bei Beschwerden Belastung zurücknehmen, Normalisierung des Hebevermögens in der Regel nach sechs Monaten.